Berlin
16.11.2011, 18:00
bis 20:00
Vortrag:
Die ungarische Räterepublik 1918/19
Der ungarische Historiker Prof. Dr. Pál PRITZ stellt Genese, Ziele, Handlungsspielräume und die Historiographie der Räterepublik dar
Theaterraum der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer von Stalinismus / Kommunismus
Nikolaikirchplatz 5-7
10178
Berlin
Berlin Brandenburg
Beschreibung:
Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Pál PRITZ, Historisches Institut an der ELTE-Universität, Budapest, setzt die DUG ihre Berliner Vortragsreihe "Ungarn zwischen den beiden Weltkriegen" fort. Dazu hat der Referent folgende Zusammenfassung übermittelt:
Die Geschichte der ungarischen Räterepublik, ausgerufen am 16. November 1918 – also am Tag des Vortrags 93 Jahre zuvor – und die Folgeerscheinung einer vor den Problemen in die Knie gehenden bürgerlich-demokratischen Regierung (deren "Revolution" hatte am 31. Oktober 1918 stattgefunden), ist ein Gegenstand erheblicher und tiefgreifender Meinungsdifferenzen. So ist es kein Wunder, dass sich ihre Beurteilung zwischen extremen Polen bewegt. Nach einer der Auffassungen ist diese Diktatur der Höhepunkt der ungarischen Geschichte (vor allem natürlich aus Sicht der ungarischen Kommunisten, deren Parteigründung nur eine Woche nach Proklamation der Räterepublik dann am 24. November erfolgte). Nach anderer Meinung war die Diktatur nur ein vergessenswerter Unfall in der ungarischen Geschichte, denn die Räterepublik sei kein organischer Teil von ihr.
Nach dem Urteil des Referenten ist die Räterepublik sehr wohl ein organischer Teil der ungarischen Historie, was auch bezüglich ihres Entstehens und ihrer Existenz anhand verschiedener Ursachen belegbar ist:
1. Die Wirkung der russischen bolschewistischen Revolution auf eine durch den Ersten Weltkrieg und die Niederlage traumatisierte und weitgehend verarmte Bevölkerung. Die Ausrufung der Räterepublik erfolgte unmittelbar nach den aus ungarischer Sicht demütigenden Waffenstillstandsabkommen von Padua (03. Nov. 1919) und Belgrad (13. Nov. 2019).
2. Die Ungarnpolitik der Entente, die selbst aus Sicht ihrer eigenen Standpunkte verfehlt war und ihren Sieg (und ihren Hass auf die k.u.k. Doppelmonarchie) einseitig auf Kosten des Königreichs Ungarn auslebte.
3. Die unübersehbaren – vor allem innenpolitischen – Schwächen der Oktoberrevolution, die ihre Macht (auch aus eigener Unfähigkeit, mehr noch aber aus der nicht beherrschbaren Lage Ungarns) nicht erhalten konnte.
Bis zum Sieg der Räterepublik wurde die Politik der Entente-Siegermächte im Donaubecken vorwiegend vom Frankreich bestimmt. Der Sinn der Entente-Note (der sogenannten Vix-Note vom 20. März 1919 mit der Neufestlegung der Demarkationslinien) bestand darin, Rumänien territorial zu sichern und ihm den Rücken freizuhalten. Diese Sicherung war unnötig.
In ihren ersten Wochen hatte die Räterepublik zwar eine Massenbasis, die aber wegen ihrer voluntaristischen Wirtschaftspolitik und der verfehlten Bauernpolitik (Bodenreform!) Schritt für Schritt zugrunde ging. Der siegreiche Nordfeldzug konnte keinen dauerhaften Erfolg bringen, der geplante Zusammenschluss mit der Roten Armee gelang nicht, und die kommunistische Diktatur als Staatsform war für die Entente keinesfalls akzeptabel.
Dieser Diktatur standen überwiegend Sozialdemokraten vor, die auf kommunistische Art handelten, aber sich angesichts der schweren Funktionsdefizite der Diktatur dann ab Juni 1919 wieder auf sozialdemokratische Politik besannen. Das war für die Einstellung der Entente-Mächte zur Ungarischen Räterepublik im allgemeinen und unter Béla Kun (21. März bis 01. August 1919) im besonderen zu spät. Übrigens auch für die Mehrheit der ungarischen Gesellschaft, die die neue Republik nur mit wenig positiver Resonanz unterstützte, zumal sie diese Regierung für nicht genug "ungarnsinnig" hielt (ein Vorwurf, der damals generell gegenüber der Sozialdemokratie erhoben wurde, der man deshalb mit größtem Misstrauen begegnete). Die Mehrheit sah vielmehr die Garantie einer "ungarischen Wiedergeburt" allein in einer erneuten Konterrevolution (obwohl zehn Monate zuvor bereits Graf Mihály Károlyi mit der Bildung des Ungarischen Nationalrats und der sechs Tage später am 30. Oktober 1918 erfolgten, nur zwei Tage überlebenden Regierung unter bürgerlichen Vorzeichen an eben denselben objektiven Gründen gescheitert war).
Auch die Entente sah ihre Ziele bei den gegenrevolutionären Kräften unter Miklós Horthy besser aufgehoben, weil sie ihm zutraute, die parlamentarische Ordnung zu verwirklichen und vor allem den Friedensvertrag zu unterschreiben (Vertrag von Trianon am 04. Juni 1929).
Die Teilnahme am Vortrag und an der anschließenden Diskussion ist jedem Interessierten (und als Nichtmitglied der DUG als deren Gast) möglich. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei.
- Kategorie:
- Wissenschaft
- Veranstalter:
- Deutsch-Ungarische Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin
- Ansprechpartner:
- Klaus RETTEL
- E-Mail / Fax für Anmeldungen:
- info(at)d-u-g.org
- Telefonnummer des Veranstalters:
- 030 - 242 45 73
- Zielgruppe:
- Historiker, Politologen, Hungarologen, Osteuropawissenschaftler
- Teilnehmerbeitrag:
- Eintritt frei!
- Weitere Informationen:
- http://
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