Aachen
14.09.2011, 19:00
bis 21:00
Vortrag:
Minderheitenpolitik im Stalinismus: Das Autonome Ungarische Gebiet in Rumänien von 1952 bis 1968
Vortrag des rumänischen Historikers Dr. TRAŞCĂ zu aktuellen Nachwirkungen eines gescheiterten stalinschen Projekts
Raum Dautzenberg, Historisches Institut der RWTH Aachen
Theaterplatz 14
52062
Aachen
Nordrhein-Westfalen
Beschreibung:
Mit seinem Vortrag auf deutsch (mit anschließender Diskussion) geht Dr. Ottmar TRAŞCĂ von der nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Machtbereich als dringend erkannten Aufgabe aus, daß die Situation der Nationalitäten im Sinne der kommunistischen politischen Vorstellungen gelöst werden mußte. So wie Stalin in der Sowjetunion zu diesem Zweck "Autonome Regionen" schuf (und diese zum Ziel massenweiser Zwangsumsiedlungen machte), so griff er in den sowjetischen Satellitenstaaten doch nur in Rumänien zu dieser Lösung. Obwohl gegen den erbitterten Widerstand der rumänischen Kommunisten noch 1952 von Stalin erzwungen, überlebte dieses Konstrukt im Sinne einer subtilen Unterdrückung der in Rumänien lebenden ungarischen Bevölkerung als "Ungarisches Autonomes Gebiet" auch nach Stalins Tod (1953) noch weitere fünfzehn Jahre.
Dr. Traşcă untersucht die letztlich kurze, aber um so lehrreichere Geschichte dieses stalinschen Projekts – lehrreich gerade deshalb, weil das historische "Ungarische Autonome Gebiet" in der letzten Zeit für die Tagespolitik der ungarischen Regierung und von Gruppen innerhalb der in Rumänien als ethnische Minderheit lebenden Ungarn instrumentalisiert wird. Dabei geht es einmal um die Forderung, die rumänische Regierung solle dieser Minderheit nicht nur die kulturelle, sondern auch die territoriale Autonomie gewähren (Begründung: schließlich ist so etwas ja schon einmal von 1952 bis 1968 möglich gewesen), zum anderen um die – übrigens von der EU geforderte – Neugliederung Rumäniens in Großregionen; ein dagegen von der ungarischen Minderheit vorgebrachtes Argument lautet, daß die vom Subsidiaritätsgedanken getragenen Tendenz in der EU jedoch eher von den großen Einheiten hin zu den kleinen, regional geprägten Einheiten geht. Wegen der innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen rumänischer Mehrheitsbevölkerung und ungarischer Minderheitsbevölkerung einerseits, aber auch wegen fehlender Einigung innerhalb der rumänischen Regierung, an der die parlamentarische Vertretung der ungarischen Minderheit beteiligt ist, andererseits wurde das Projekt nunmehr bis zu den nächsten Parlamentswahlen im Herbst 2012 vertagt; denn die regierungsamtlichen Überlegungen sehen eine Aufteilung des mehrheitlich ungarisch besiedelten Gebietes auf zwei Großregionen vor, während die ungarische Minderheit – wiederum mit dem Hinweis auf das Autonome Gebiet von 1952 bis 1968 – fordert, ihr Siedlungsgebiet zu einer eigenen Großregion zu machen.
In der Diskussion wirkt das (ungarische) Trauma des diktierten Friedensvertrags von Trianon (4. Juni 1920) fort, als dem ehemaligen Königreich Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes mit drei Millionen dort lebenden Ungarn amputiert und den Nachbarstaaten, darunter auch Rumänien, zugeschlagen wurden. Und ebenso spielt die folgende Zwischenkriegs- und Kriegszeit eine Rolle, als Ungarn einige der verlorenen Gebiete von Hitlers und Mussolinis Gnaden durch die Wiener Schiedssprüche zurückerhielt (rumänisches Trauma), andererseits sich zum Dank zu Hitlers Verbündetem machen und mit dem verfeindeten Rumänien in eine Kriegsallianz zwecks Angriffs auf die Sowjetunion zwingen lassen mußte. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs verlor Ungarn alles, und es mußte Siebenbürgen(neben anderen Gebieten) an Rumänien wieder herausgeben. Letztlich scheinen diese historischen Vorgänge wirkungsmächtiger als alle Bestrebungen der heutigen EU-Politik, im Geiste des zwischen Ungarn und Rumänien geschlossenen Grundlagenvertrages und mit der Umsetzung der persönlichen Freiheiten für alle innerhalb der EU-Grenzen lebenden Menschen eine neue Basis für nationale Interessenausgleiche im Karpatenbecken zu schaffen.
Der Referent Dr. Ottmar TRAŞCĂ ist Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte George Bariţiu, Cluj-Napoca, Außenstelle der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, sowie Dozent an der Babeş-Bolyai-Universität, Fachbereich für Geschichtswissenschaften und Philosophie, Cluj/Kolozsvár/Klausenburg.
Dr. Traşcă arbeitet dort als Historiker für Zeitgeschichte, insbesondere als Militärhistoriker zum 2. Weltkrieg und zum Holocaust in Rumänien, ferner zu den rumänisch-ungarischen Beziehungen und zu Rumänien im Kommunismus. Nach mehreren Stipendienaufenthalten in Deutschland hat er sich mit umfangreichen Quelleneditionen zum Holocaust einen Namen gemacht. Sein von der DUG in Auftrag gegebener Vortrag über das "Ungarische Autonome Gebiet" in Rumänien befaßt sich mit einem bisher im deutschen Sprachraum weithin unbekannten Thema; er konnte dafür die seit kurzem in Rumänien zugänglichen Akten nebst den einschlägigen stalinschen Direktiven auswerten.
Der Vortrag ist allgemein öffentlich und nicht nur Mitgliedern der RWTH Aachen oder in Sonderheit ihres Historischen Instituts vorbehalten. Anmeldungen sind nicht notwendig; der Eintritt ist für alle Teilnehmer frei.
Eine Veranstaltung der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin, in Zusammenarbeit mit dem Historischen Institut der RWTH Aachen (Lehrstuhl Prof. Dr. Armin Heinen), mit dem EUROPE DIRECT Informationsbüro Aachen und dem Ungarisch-Deutschen Freundeskreis Aachen e. V. (UDFA)
- Kategorie:
- Politik
- Veranstalter:
- Deutsch-Ungarische Gesellschaft e. V. mit Partnern
- Ansprechpartner:
- Klaus RETTEL, info(at)d-u-g.org
- Anmeldung bis:
- Anmeldung nicht erforderlich.
- Telefonnummer des Veranstalters:
- 030-242 45 73
- Zielgruppe:
- Politikwissenschaftler, Hungarologen, Osteuropa-Interessierte
- Teilnehmerbeitrag:
- Eintritt frei!
- Weitere Informationen:
- www.d-u-g.org
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