Berlin-Mite
24.03.2011, 18:00
bis 20:00
Vortrag:
Der Europagedanke in ungarischen Diskursen von 1790 bis 1980
Frank Henschel, Leipzig, referiert über Bedeutungen und Inhalte des Europagedankens während 200 Jahren ungarischen Geisteslebens
Raum 125
Parochialstr. 3
10179
Berlin-Mite
Berlin Brandenburg
Beschreibung:
Der Vortrag geht über eine Eingrenzung auf die politischen Aspekte zu Gunsten der während eines Zeitraums von zweihundert Jahren in Ungarn geführten Europadiskurse in allen Lebensbereichen hinaus. Denn der Europagedanke in Ungarn war niemals eine auf die politische Auseinandersetzung beschränkte Idee; er beflügelte in einem weitgefaßten Sinne alle intellektuellen Bereiche, wie der Referent darlegen wird. Dazu hat er folgende Zusammenfassung übermittelt:
Der Vortrag zeichnet die Entwicklung der Europadiskurse in Ungarn vom Ausgang des 18. Jahrhundert bis zum Ende des Kommunismus nach. Er zeigt die Vielfalt und Wandelbarkeit der Vorstellungen von und der Bezugnahmen auf "Europa" durch Schriftsteller, Künstler, Politiker und Intellektuelle. Der Diskurs war geprägt vor allem durch ein beinahe permanent anzutreffendes Rückständigkeitsnarrativ. "Europa", das bedeutete meistens Westeuropa, England, Frankreich, aber auch Deutschland. Zwar zählte man sich seit der Krönung des ersten ungarischen Königs István (Stephan) I. im Jahre 1000 mit der vom Papst gesandten Krone zu einem festen Bestandteil (West-)Europas, die Zugehörigkeit wurde aber durch die fehlende beziehungsweise verzögerte wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung häufig in Frage gestellt. Zudem sah man sich mit einer gewissen Ignoranz des Westens konfrontiert, der nach ungarischer Auffassung nur allzu oft sich selbst als das eigentliche Europa darstellte und die Leistungen der Ungarn für den Schutz Europas, beispielsweise durch die Abwehr der Osmanen, nicht würdigte. - - - - - Dieses Isolationsmotiv zieht sich gleichsam wie ein roter Faden durch den Diskurs und wird vielfältig, aber ambivalent eingesetzt. Einerseits werden die niedergeschlagenen Aufstände 1848 und 1956, in denen "Europa" tatenlos zusah, wie Ungarns Freiheitskampf von außen erstickt wurde, für eine Anklage des Westens und für eine symbolische Überhöhung Ungarns als verlassener Vorkämpfer der Zivilisation instrumentalisiert, andererseits führt der Isolationsdiskurs häufig zu geradezu anti-europäischen Diskursbeiträgen, in denen Ungarn als ein Land des Ostens charakterisiert wird und westliche Wertvorstellungen und Errungenschaften negiert werden. Die verbreitetste diskursive Verortung Ungarns aber ist die, daß das Land die "Mitte" Europas" sei, ein Ort des Ausgleichs westlicher Moderne und östlicher Rückständigkeit, Bewahrer der ureigenen europäischen Werte.
Diese Einschätzung findet sich sowohl im national-liberalen Diskurs des 19. Jahrhunderts, als auch im Diskurs der Dissidenten in den 1980er Jahren. Der ungarische Europadiskurs pendelte also tatsächlich von West nach Ost, aber die (geographische und kulturelle) europäische Mitte war in der Perspektive der betrachteten 200 Jahre ein tradierter Rückzugs- und Bestimmungspunkt der ungarischen Identität in Europa und als Ausgleich der Extreme auch die Identität Europas selbst.
Der Referent ist Doktorand im Internationalen Promotionsstudiengang "Transnationalisierung und Regionalisierung vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart" der Research Academy Leipzig. Er arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Ost- und Südosteuropäische Geschichte des Historischen Seminars im Geisteswissenschaftlichen Zentrum (GWZ) an der Universität Leipzig.
- Kategorie:
- Kultur/Medien/Musik
- Veranstalter:
- Deutsch-Ungarische Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin
- Ansprechpartner:
- Klaus RETTEL, DUG-Präsident
- E-Mail / Fax für Anmeldungen:
- entf.
- Telefonnummer des Veranstalters:
- 030 - 242 45 73
- Zielgruppe:
- Historiker, Hungarologen, Politikwissenschaftler
- Teilnehmerbeitrag:
- Eintritt frei!
- Weitere Informationen:
- www.d-u-g.org
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