Lüneburg

Do. 09.10.2008, 00:00 bis Sa. 11.10.2008, 00:00

Tagung/Konferenz

Loyalität, Legalität, Legitimität

Zerfalls-, Separations- und Souveränisierungsprozesse in Ostmittel- und Osteuropa 1914-1921

Nordost-Institut
Conventstraße 1
21335 Lüneburg
Niedersachsen

Beschreibung:

 

Der Erste Weltkrieg und dessen Folgen bedeuteten für Mittel-, Ost- und Südosteuropa einen Zivilisationsbruch, der vom Zusammenbruch der bisherigen staatlichen Ordnung und der Wirtschaftssysteme begleitet war. Am Ende des Weltkrieges brachen das Russische Reich, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich zusammen. Nationale Minderheiten dieser Großreiche bemühten sich mit unterschiedlicher Intensität und Zielrichtung um die Verbesserung ihres bisherigen Status. Diese Bemühungen wurden teils von Angehörigen der alten Eliten (Adel, politische Repräsentanten, Staatsbeamte, Bürgertum, Bildungsbürger), teils von politischen Newcomern und den Unterschichten getragen, ja vorangetrieben, wobei sowohl in sich mehr oder weniger schlüssige Konzeptionen und Pläne zur staatlichen Neuordnung Mittel-, Ostmittel- und Südosteuropas (Friedrich Naumann: Mittel-Europa; Oszkár Jászi: Donau-Föderation; Roman Dmowski: Polen zwischen Russland und Deutschland; T. G. Masaryk), als auch spontane, anarchische um sich greifende Aktionen (N. Machno, kurzlebige Bauernrepubliken in der Südukraine, Sowjetrepubliken) zu verzeichnen waren.

 

Separations- und Souveränisierungsbestrebungen wurden mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung bzw. der Gründung von Nationalstaaten, oft aber auch mit dem Anspruch auf Gleichheit und Gerechtigkeit begründet, wobei darunter sowohl völkerrechtliche wie auch soziale und eigentumsrechtliche (Agrarreform, Nationalisierung des gesamten Besitzes und dessen „gerechte“ Verteilung) Vorstellungen und Wünsche virulent waren.

 

Die nationalen und politischen Bewegungen sahen sich aus je eigenen Gründen berechtigt, Ziele zu verfolgen, die den Zielen ihrer bisherigen Staaten zuwiderliefen, diese sogar zu sprengen drohten. Die z. T. zahlenmäßig unbedeutenden politischen Eliten (Bol’ševiki, Bund) sahen sich ebenso, wie nationale Bewegungen (z. B. in Polen, der Ukraine, in Litauen) zu Handlungen berechtigt, die von Regierungen als staatsgefährdend oder gar als Hochverrat eingestuft wurden. Fragen nach der Loyalität der jeweiligen kaiserlichen Regierung gegenüber und der Legalität des eigenen Handelns wurden von den nationalen und politischen Bewegungen unter Einbeziehung eigens aufgestellter Legitimitätsvorstellungen (Aufhebung der nationalen Unterdrückung, Volkssouveränität) übergangen. Die Zusammenarbeit mit dem Feind des bisherigen Staates (litauischer Vertreter-Rat/Smetona, Weisrussische Zentralrada) wurde von Teilen der neu entstehenden nationalen Eliten ebenso als legitim für die Erlangung der nationalen Ziele erachtet, wie ein stärkeres (auch militärisches) Engagement im Bestand der Imperien (Piłsudski).

 

Neu entstehende Eliten forderten von der national oder sozial identifizierten Bevölkerung, deren Interessen sie tatsächlich oder vermeintlich vertraten, Unterordnung und Gefolgschaft, und zwar sowohl bei der Umgestaltung der staatlichen, gesellschaftlichen und sozialen Ordnung der von ihnen beanspruchten Territorien als auch in kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem traditionell oder neu identifizierten Feind (Bürgerkrieg in der Ukraine, polnisch-sowjetischer Krieg).

 

Zu Beginn der 1920er Jahre hat die politische Karte Mittel-, Ost- und Südosteuropas eine neue Gestalt bekommen, ohne dass alle aufgebrochenen Konflikte einer dauerhaften Lösung hätten zugeführt werden konnten. Nicht jede nationale Bewegung konnte zur Bildung eines Nationalstaates führen. Und die neu gegründeten Staaten, die in ihrem Selbstverständnis „national“ waren, mussten die Existenz von teilweise recht großen Minderheiten in eigenen Grenzen zur Kenntnis nehmen. Die Konzeption einer nationalen Kulturautonomie (Austromarxisten, Deutsche im Baltikum) wurde als Option/Alternative für kleinere ethnische Gruppen (Ukraine 1918) gesehen. Deren Anspruch auf Gleichberechtigung sollte damit befriedigt und möglichen Konflikten innerhalb der neuen multinationalen Staaten präventiv begegnet werden.

 

Im Rahmen der wissenschaftlichen Tagung des Nordost-Institutes soll anhand von Fallstudien untersucht werden, welchem inhaltlichen Wandel die Begriffe und die Praxis der „Loyalität“, „Legalität“ und „Legitimität“ in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Neuordnung Europas unmittelbar danach unterworfen waren. Dabei geht es um politisch, rechtlich und ethisch fest gefügte Vorstellungen in den Eliten und Gesellschaften Mittel- und Osteuropas, die die Veränderungen dieser Region ebenso mit hervorgebracht haben, wie sie ihnen ausgesetzt waren. Es wäre wünschenswert, die diskursgeschichtlichen Entwicklungen im engen Zusammenhang mit der Dynamik zu sehen, die sich zwischen (nationalen) Eliten, Staatsstrukturen (Behörden, Militär) und gesellschaftlichen Interessen aufgebaut hatte. Zwecks thematischer Eingrenzung, aber auch mit der Absicht, regional und national vergleichende Perspektiven zu ermöglichen, soll der benannte Wandel anhand von Beispielen aus drei Erfahrungsbereichen analysiert werden:

 

*Politisch: Zerfall der vier Imperien, Separations- bzw. Souverränisierungsprozesse auf deren früherem Gebiet;

*Sozial: Agrarfrage, Besitz- bzw. Eigentumsrecht;

*Militärisch: Imperiale Streitkräfte, Aufbau von nationalen Streitkräften, Kampfhandlungen gegen frühere Kameraden; Soldatenräte

 

Für die Referate ist eine Vortragszeit von ca. 20 Minuten vorgesehen.

Um die Einsendung der Thesenpapiere wird bis Ende Februar 2008 gebeten.

Konferenzsprachen: Deutsch und Russisch

 

KategorieWissenschaft
VeranstalterNordost-Institut an der Universität Hamburg
Telefonnummer des Veranstalters04131-40059-18
E-Mail für Anmeldungen a.lawaty(at)ikgn.de
AnsprechpartnerLawaty, Andreas, Dr.
Weitere Informationen

 

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