Düsseldorf
Mi. 07.03.2012, 18:00 bis 20:00
Vortrag
Das Bild vom "Bollwerk der Christenheit" in Ostmitteleuropa von den Türkenkriegen bis zum jugoslawischen Bürgerkrieg: vom Topos zum Mythos
Der Historiker Dr. Norbert Spannenberger, Universität Leipzig, fasst 1000 Jahre christliche Ideengeschichte zusammen
Haus der Gerhart Hauptmann Stiftung
Bismarckstr. 90
40210 Düsseldorf
Nordrhein-Westfalen
Beschreibung:
In seinem Vortrag mit Lichtbildprojektionen über die 'Entwicklung des "Bollwerks der Christenheit" vom Topos zum Mythos' konzentriert sich PD Dr. Norbert SPANNENBERGER auf die Zeit ab dem Spätmittelalter, obwohl der Titel "antemurale Christianitatis" (Vormauer, auch: Bollwerk der [westlich-römischen] Christenheit) bereits früher vom Papst verliehen wurde, aber mit dem Vordringen der Osmanen von den Dardanellen über den Balkan bis vor Wien eine besondere Bedeutung erhielt. Der Titel fand rasch Eingang in den diplomatischen Alltag. Zunehmend nutzten auch konkurrierende Gruppen, wie etwa die Siebenbürger Sachsen, diesen Titel als Selbstzuschreibung und für die eigene Identitätsstiftung. Die Rolle dieses vom Heiligen Stuhl als Auszeichnung gedachten Titels hatte ursprünglich darin bestanden, einen dauerhaften Kampf gegen "Nichtchristen" – vor allem gegen die das Abendland bedrohenden Osmanen und ähnliche Gefahren – ideologisch zu untermauern. Schnell wurde aber daraus ein diplomatischer Vorwand, eigene politische Ziele durchzusetzen. So konnten etwa der Kampf Polens gegen den Deutschen Orden oder die Errichtung der Habsburger Herrschaft in den Ländern der (ungarischen) Stephanskrone damit "legitimiert" werden.
Im Zeitalter der Romantik erlebte dieser Topos (im Sinne einer feststehenden Redewendung oder eines vorgefertigtes Bildes) eine zweifache Umwandlung: Er verlor seinen (römisch-katholischen) religiösen Inhalt (Säkularisierung); dann wurde er von Herrschafts wegen mit Hilfe konfessionsloser Interpretationen popularisiert und in der Benutzung flexibilisiert. So entwickelte er sich zu einem Mythos moderner Nationalideologien: Indem er in protestantischen Kulturkreisen salonfähig wurde, wie etwa unter Lajos Kossuth in Ungarn, wurde das Bild vom "Bollwerk" oder von der "Vormauer" nunmehr auf die zu verteidigende Wertegemeinschaft "Mittel- und Westeuropa" bzw. die "mittel- und westeuropäische Kultur" bezogen und die Trennlinie oder Abgrenzung in Europa zu den Ländern griechisch-orthodoxer Kultur verfestigt.
Mit der Popularisierung des Bollwerk-Topos wurde er untrennbarer Bestandteil der sich formierenden modernen Nationalideologie, so zum Beispiel auch bei den (orthodoxen) Rumänen im Kampf gegen die Osmanen. Diese "Selbstadelung", ein Schutzschild gegen die Gefahren aus dem Osten zu sein, nahm die intellektuelle Elite – vor allem in ihrer Geschichtsschreibung – vor und rückte damit das eigene Land ideell nach Westen, indem es sich zu einem Teil der zu verteidigenden "mittel- und westeuropäischen Wertegemeinschaft" machte. In einem weiteren Sinne erhoben also auch orthodoxe Länder Anspruch auf diesen Titel, ohne seine ursprünglich religiös-konfessionelle Bedeutung zu beachten, zugleich aber im ursprünglichen Sinne tatsächlich damit den Kampf gegen die von ihnen definierten "Nichtchristen" zu führen.
In Ungarn, wo der Titel vermutlich am frühesten zur Geltung kam, gehörte der Begriff des "Bollwerks" bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs untrennbar zur Nationalideologie. In Polen wurde er während der Teilung ebenfalls zu einem Mythos stilisiert, der zur Begründung und Auslegung der Kontinuität polnischer Staatlichkeit diente. Während des politischen Transformationsprozesses 1989/90 spielte der Mythos in beiden Ländern eine Rolle als Teil der Selbstwahrnehmung. Eine blutige Reaktivierung erfuhr der Begriff auf kroatischer Seite während des Jugoslawienkrieges.
In der "modernen" Auslegung wurde so im Laufe der Jahrhunderte aus dem christlichen Bollwerk ein Instrument, um eine imaginäre Grenze – eine "Grenze im Kopf" – zu ziehen, womit man die markante Trennlinie zum Anderen mit einer "anderen Kultur" und einer "niedrigeren Zivilisation" begründete. Tagespolitisch aktuell vermochte sich der Mythos bei der Erweiterung der Europäischen Union (bisher) nicht durchzusetzen.
Zur Person des Referenten: PD Dr. Norbert SPANNENBERGER, Historiker, ist seit 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Leipzig, seit zwei Jahren an deren GWZ (Geisteswissenschaftlichem Zentrum), und zwar am Lehrstuhl für ost- und südosteuropäische Geschichte, wo er sich Ende 2011 habilitierte. Er ist Vizepräsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG) zu Berlin.
| Kategorie | Kultur/Medien/Musik |
| Veranstalter | Deutsch-Ungarische Gesellschaft (Berlin) und Gerhart Hauptmann Haus (Düsseldorf) |
| Anmeldung bis | Anmeldung nicht erforderlich |
| Telefonnummer des Veranstalters | 030-242 45 73 / 0211-16 99 120 |
| Zielgruppe | Historiker, Osteuropa-Interessierte |
| Ansprechpartner | Klaus RETTEL (Berlin) / Dirk URLAND (Düsseldorf) |
| Teilnehmerbeitrag | Eintritt frei! |
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